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KeyTec: Autonomes Fahren – „Fahren Sie mich nach Hause, James“

Autonomes Fahren Kondratjew
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Autonomes Fahren wird unsere Welt wieder einmal revolutionieren. In den früher  bereits mehrfach erwähnten Kondratjew-Zyklen zieht sich Transport wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte. Im zweiten Kondratjew, um ca. 1850, war es die Eisenbahn, die unsere Welt veränderte. Nachdem die Eisenbahn, und parallel die Dampfschifffahrt,  immer weiter ausgebaut wurden und langsam an innovativer Schlagkraft verloren, war es 100 Jahre später im vierten Kondratjew-Zyklus, um ca. 1950 herum das Automobil, welches einen drastischen Wandel in der Welt herbei führte. Die Auswirkungen des Individualverkehrs waren dramatisch. Produkte konnten nun direkt zum Empfänger geliefert werden und mussten nicht mehr am Bahnhof abgeholt, oder weiter transportiert werden. LKWs ermöglichten völlig neue Produktions- und Lieferketten. Buslinien, Ausflugs- und Urlaubsfahrten, Shuttle-Busse, revolutionierten die Personenbeförderung. Ganz zu schweigen vom neuen Ausmaß der Bewegungsfreiheit für jeden einzelnen Autofahrer.

Aber für all diese neuen Möglichkeiten mussten Strukturen erschaffen werden. Straßen, Autobahnen, Parkplätze, Tankstellen, Werkstätten, Unfallhilfe und Ausbildungssysteme wie Fahrschulen und die Verwaltung der Führerscheine, Steuern und Versichrungen. Gigantische strukturelle und organisatorische Veränderungen, die das Bild unserer Städte und Dörfer nachhaltig veränderte.Autonomes Fahren Blogartikel

Das könnte nun alles wieder ganz anders werden. Nachdem wir uns daran gewöhnt haben, einen Großteil unseres Einkommens (Das Auto ist, für die meisten Menschen, die größte Einzelausgabe gleich nach dem Hauskauf) für unsere Autos auszugeben, könnte sich das nun wieder relativieren. Es beginnt mit Überlegungen, den öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu machen, um den Individualverkehr aus den Großstädten zu drängen. Sicher eine gute Überlegung, soweit sie für die jeweiligen Städte auch finanzierbar ist. Großstadtbewohner kämen so als erste in den Genuss, sich komplett kostenfrei bewegen zu können. Während die Menschen außerhalb der Städte vorerst noch auf ihre Autos angewiesen sind. Aber die neue Richtung ist klar zu erkennen.

Mit dem autonomen Fahren werden wir hier erneut eine neue Welt kreieren. Nicht nur, dass sich die Kosten für jeden Einzelnen deutlich reduzieren, wenn er ein Auto nur noch für tatsächlich zurück zu legende Strecken benutzt und bezahlt. Statt es zu kaufen, zu besitzen, zu pflegen, zu versichern, zu versteuern und dann 90% der Zeit irgendwo zu parken. Auch die strukturellen Anforderungen werden sich verändern. Riesige Parkplätze vor Supermärkten und Unternehmen werden verschwinden und können anderweitig genutzt werden. Große Verkehrsaufkommen werden von intelligenten Verkehrssystemen gelenkt werden, das wird Staus verhindern und Unfälle vermeiden. Auch wenn wir das nicht gerne hören, Computer machen deutlich weniger Fehler und werden nur einen Bruchteil der Unfälle produzieren wie wir Menschen. Die Zahl der Verkehrstoten wird gegen Null sinken. Mehrspurige Autobahnen sind nicht mehr nötig, wenn der Verkehr sinnvoll und effizient geleitet und reguliert wird. Private Parkplätze vor Wohnhäusern, hässliche Garagenblöcke und platzzehrende Tiefgaragen werden nicht mehr benötigt und stehen wieder zur Verfügung.

Niemand muss sich mehr auf einen einzigen Autotyp festlegen. Für die Gartenaktion am Wochenende wird ein Transporter bestellt, um die Gartenabfälle wegzufahren. Der fährt selbständig und pünktlich vor, erledigt den Job und verschwindet wieder, wenn der Job getan ist. Für die Fahrt zum Termin oder zum Einkaufen bestellen wir uns einen günstigen Kleinwagen, für das erste Date eine schicke Limousine und für Langstreckenfahrten einen Wagen mit Liegesitzen. Zusammen gerechnet für einen Bruchteil der bisherigen Kosten.

Dabei gehen wir davon aus, was auch wahrscheinlich ist, dass Fahren zukünftig überwiegend elektrisch passieren wird. Die aktuellen Entwicklungen sprechen dafür, dass ab etwa 2025 die Zahl der nicht elektrisch betriebenen Fahrzeuge weit weniger als die Hälfte der gesamten Fahrzeuge ausmachen wird. Wir fahren also zukünftig nicht nur autonom, sondern auch elektrisch.

Sehen wir uns an, wo wir momentan stehen. Autonomes Fahren wird in mehrere Levels eingeteilt (Quelle: Wikipedia).

Level 0: „Driver only“, der Fahrer fährt selbst, lenkt, gibt Gas, bremst etc.

Level 1: Bestimmte Assistenzsysteme helfen bei der Fahrzeugbedienung, beispielsweise der Abstandsregeltempomat (ACC).

Level 2: Teilautomatisierung. Funktionen wie automatisches Einparken, Spurhalten, allgemeine Längsführung, Beschleunigen, Abbremsen werden von den Assistenzsystemen übernommen, z. B. vom Stauassistent.

Level 3: Hochautomatisierung. Der Fahrer muss das System nicht dauernd überwachen. Das Fahrzeug führt selbstständig Funktionen wie das Auslösen des Blinkers, Spurwechsel und Spurhalten durch. Der Fahrer kann sich anderen Dingen zuwenden, wird aber bei Bedarf innerhalb einer Vorwarnzeit vom System aufgefordert die Führung zu übernehmen. Diese Form der Autonomie ist auf Autobahnen technisch machbar. Der Gesetzgeber arbeitet darauf hin, Level-3-Fahrzeuge zuzulassen. Erste Fahrzeuge dieser Automatisierungsstufe sind in Deutschland für Dezember 2017 angekündigt, die Level-3-Funktionen jedoch erst ab 2019 aufgrund fehlender ECE-Homologation.[14]

Level 4: Vollautomatisierung. Die Führung des Fahrzeugs wird dauerhaft vom System übernommen. Werden die Fahraufgaben vom System nicht mehr bewältigt, kann der Fahrer aufgefordert werden, die Führung zu übernehmen.

Level 5: Kein Fahrer erforderlich. Außer dem Festlegen des Ziels und dem Starten des Systems ist kein menschliches Eingreifen erforderlich.

Momentan bewegen sich die aktuellen Fahrzeuge der verschiedenen,  rivalisierenden Hersteller technisch gesehen zwischen Level 4 und 5. Noch nicht hundert prozentig autonom, aber auf gutem Weg dahin. Oft sind es schwierige Außenbedingungen wie Schnee, Regen und Eis, welche die Systeme überfordern. Aber auch das ist bei einem selbstlernenden System (was es definitiv ist) nur eine Frage der Zeit.

Wie im Artikel über exponentielles Wachstum schon beschrieben, werden wir auch hier die Geschwindigkeit unterschätzen, in welcher die Entwicklung voran schreitet. Während die Techniker noch an Level 4 und 5 Problemen arbeiten, basteln Großkonzerne schon an der erweiterten Ausstattung autonomer Fahrzeuge. Intelligente Assistenzsysteme wie IBMs Watson kommunizieren zukünftig mit den Fahrgästen wie eine futuristische Kombination aus einem klassischen Chauffeur und einem sehr aufmerksamen Concierge.   „Ruf meine Mutter an“ oder „Navigiere mich nach Hause“ können heutige Systeme schon leisten. Zukünftig wird auch die Suche nach einem Restaurant in der Nähe des aktuellen Standortes, der Ruf nach medizinischer Hilfe, oder gar die Übersetzung ganzer Dialoge bei mehrsprachigen Mitfahrern vom System problemlos erledigt.Growth Chimp Gehrer Autonomes Fahren

Zurück zum autonomen Fahren. Wie im, bereits erwähnten, Artikel exponentielles Wachstum ausgeführt, befinden wir uns am Knickpunkt der günen Entwicklungskurve, die nun steil nach oben geht. Analog die gleiche Entwicklung sehen wir beim autonomen Fahren. Was logisch ist, weil autonomes Fahren sehr stark mit künstlicher Intelligenz und Robotik korreliert. Jeder Meilenstein, der dort erreicht wird hat eine direkte Auswirkung auf autonomes Fahren.

Wie ist denn nun der aktuelle Stand?

Tesla hat all seine Modelle mit einer Ausstattung auf den Weg geschickt, die grundsätzlich auf Level 5 funktioniert. Die fehlenden Elemente werden per Software-Update nachgeliefert und müssen dann nur noch aktiviert werden, sobald die Zulassungsbedingungen geklärt sind.

Mercedes und Bosch haben ein gemeinsames Projekt gestartet, welches u.a. selbstfahrende Taxis auf die Straßen bringen soll. Mehrere hundert Mitarbeiter wollen diesen Plan noch 2018 zum Erfolg führen. Die breite Einführung ist für 2022 geplant.

Uber hat in Pittsburgh damit begonnen, autonome Taxis anzubieten. Die ersten Fahrten waren langsam (ca. 50 km/h) und nur in begrenzten Gebieten möglich,  aber der Pilotversuch war soweit erfolgreich. Bislang fahren dort umgebaute Ford Fusion Modelle. Zukünftig werden 24.000 Volvo SUVs in einer Kooperation der beiden Unternehmen umgerüstet und zu autonom fahrenden Taxis mutieren. Welche dann über eine App angefordert und bezahlt werden können. Spätestens ab 2019 sollen die Volvo-Uber-Taxis durch Pittsburgh rollen.

Google-Schwester Waymo schafft bisher die  größten Distanzen ohne Fahrer. Nur alle 9000 Kilometer mussten die Sicherheitsfahrer eingreifen, insgesamt 63 Mal in zwölf Monaten.

Die deutsche Post produziert ihre elektrisch betriebenen Lieferfahrzeuge bereits selbst. Ab 2018 sollen die ersten davon bereits autonom fahren können. Sie sollen (zunächst) teilautonom sein. Also z.B. dem Postboten folgen, während er ausliefert. Zukünftig sei aber auch denkbar, dass die „StreetScooter“ eine Nachricht senden, wenn sie vorm Haus stehen und der Empfänger mit einer PIN sein Paket selbst aus dem Postwagen nimmt.

Seit Ende 2017 fährt im niederbayrischen Bad Birnbach ein autonomer Bus komplett selbständig. Noch darf der fahrerlose Bus mit sechs Sitzplätzen nur maximal 15 Stundenkilometer schnell fahren auf einer 700 Meter langen Strecke. Im nächsten Jahr soll die Verbindung zum zwei Kilometer entfernten Bahnhof verlängert werden. Bisher lief da Experiment problemlos, keine Unfälle, keine Zwischenfälle.

An autonom fahrenden LKWs arbeiten momentan praktisch alle großen Hersteller. Die Strategieberatung PWC schätzt den Zeitpunkt für den breiten Einsatz von selbstfahrenden LKWs auf Langstrecken bei unter 10 Jahren ein. Dann werden nur noch in speziellen Umgebungen menschliche Brummi-Fahrer benötigt. Auf Standardstrecken werden die Brummis autonom fahren.Autonomes Fahren

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass wir einerseits schon weit gekommen sind. Anderseits sind die Hürden für eine komplette Umstellung des Straßenverkehrs auf autonomes Fahren hoch. Die Hersteller müssen u.a. beweisen, dass ein autonom fahrendes Auto sicherer ist, als ein menschlicher Fahrer. Die Hürde dafür liegt bei 240 Millionen unfallfrei gefahrener Kilometer. Trotzdem sind die Hersteller überzeugt, diese Hürde demnächst zu nehmen.

Natürlich entstehen dabei neue Probleme. Das geht mit den ganzen Jobs und Unternehmen los, die bisher mit „Fahren“ zu tun hatten, bis hin zu den umgebenden Unternehmen wie Hersteller, Werkstätten, Straßenbau usw. Welche Infrastrukturen werden benötigt, um autonomes Fahren zu unterstützen? Dazu kommen ethische Überlegungen. Wie entscheidet eine Maschine in Dilemma-Situationen? Wie soll sie entscheiden? Wenn ein Kind vors Auto läuft, der Bremsweg zu kurz ist und die einzige Ausweichmöglichkeit eine Gruppe Rentner ist? Oder andere denkbare Dilemma-Situationen.

Sind autonom fahrende Fahrzeuge hackbar? Evtl. sogar massenweise? Das könnte sie zu einer Waffe machen, gegen die der 11. September  ein Kindergeburtstag war. Zumindest zu einer Todesfalle für einzelne Insassen.

Nicht zu vergessen die rechtliche und versicherungstechnischen Aspekte. Wer ist bei vollautomatisiertem Fahren verantwortlich? Wer bezahlt Schäden bei Unfällen? Oder datenrechtliche Probleme. Was passiert mit den 750 MB/sec-Daten die ein solches Fahrzeug erzeugt?  Wer hat hier Zugriff? Wem gehören die Daten? Wer ist dafür verantwortlich?

Trotz vieler offensichtlicher, noch zu lösender Probleme und denkbarer Horrorszenarien, wird autonomes Fahren früher oder später kommen. Ich persönlich freue mich darauf. Das Leben wird dann wieder einmal besser. Es werden weniger Unfälle passieren. Alkoholisierte Fahrer, Raser, Geisterfahrer, alle Varianten menschlichen Fehlverhaltens werden verschwinden, das ist doch super.

Autonomes Fahren App HandyIch freue mich darauf, mit einer App ein Fahrzeug rufen zu können, dass mich ab holt, hin bringt wohin ich will und anschließend wieder verschwindet.  Das mich zu allem Überfluss abends dann auch noch aus der Kneipe abholt und unbeschadet nach Hause fährt.

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