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KeyTec: Erweiterte und virtuelle Realität – „Was ist Wirklichkeit?“

„Was ist die Wirklichkeit? Wie definiert man das, Realität? Wenn Du darunter verstehst was Du fühlst, was Du riechen, schmecken oder sehen kannst, ist die Wirklichkeit nichts weiter als elektrische Signale interpretiert von Deinem Gehirn.“  Morpheus zu Neo in dem Film „Matrix.“Gehrer Blog Matrix AR VR

Realität, wie wir sie wahrnehmen, kann verschieden definiert werden. Das wissen wir spätestens seit René Descartes. Es ist nicht bewiesen, inwieweit unsere Wahrnehmung eine reale Außenwelt spiegelt, oder ob wir hier (zumindest streckenweise) Sinnestäuschungen erliegen. Immerhin können wir über uns selbst und unsere Existenz nachdenken, was Descartes in seinem dem berühmten Satz: „Ich denke also bin ich“ zum Ausdruck bringt.

Andere Realitäts-Philosophen wie Hilary Whitehall Putnam stellen sogar die Frage in den Raum, ob eine „Gehirn im Tank“ möglich wäre. Dabei empfängt das Gehirn die Impulse direkt, z.B. von einem Computer, gar nicht über die Sinnesorgane und produziert aus diesen Impulsen Realität. Das Gehirn würde den Unterschied gar nicht bemerken. Elektrischer Impuls ist elektrischer Impuls, egal wo er her kommt. Auf diesem Gedankenexperiment baut der Film „Matrix“ auf.

Während wir uns also noch gar nicht sicher sind, was Realität eigentlich genau ist, haben doch schon begonnen diese Realität zu erweitern, oder künstlich komplett neue, virtuelle Realitäten zu erschaffen. Die ersten Entwicklungen in Richtung erweiterter Realität (augmented reality) waren wohl die „Head-Up“ Displays in Kampfflugzeugen. Dabei werden Informationen künstlich ins Sichtfeld des Piloten eingeblendet. Der Piloten hat den Eindruck, die Informationen befänden sich frei schwebend im Raum vor ihm. Solche Head-Up-Displays finden sich heute schon in Autos wieder. Zum Beispiel als Erweiterung für Navigations- oder Bordsysteme.

Erweiterte Realität (manchmal auch Mixed Reality, oder Enhanced Reality genannt)  versteht sich als jede zusätzliche Projektion auf die bestehende Wahrnehmung. Während virtuelle Realität eine komplett eigene Welt erschafft. Dazu kommen wir noch.

Ein weiteres Beispiel zur erweiterten Realität wäre die bekannten Google Glass. Eine Brille, welche auf dem Glas (es hat nur eines davon) nicht nur diskret Informationen für den Träger einblendet, sondern auch direkt in die Umgebung einbetten kann. Analog zu einem Head-Up-Display. Dabei interagiert das System auch mit Informationen, welches die Videokamera im Brillengestell wahrnimmt und verwertet. Sie erkennt zum Beispiel ein Gebäude und blendet Informationen dazu ein. Es könnte auch ein Ladengeschäft sein, das erkannt wird und die Brille blendet die Öffnungszeiten und die aktuellen Sonderangebote ein.

Momentan ist der Verkauf für Google Glass gestoppt, aber die aktuellen Entwicklungen machen eine Reaktivierung wahrscheinlich. Andere Hersteller, wie Microsoft zum Beispiel, arbeiten aktuell an derartigen Systemen. Während der datenschutzrechtliche Aspekt ein Alptraum werden könnte (Tausende Träger solchen Brillen laufen durch die Welt und filmen alles, was vor ihnen ist), ist der praktische Aspekt doch beeindruckend.

Gehrer Blog AR VRHandwerkern, oder DIY-Hobby-Handwerkern, könnten Reparaturanleitungen eingeblendet werden, während sie zu Gange sind. Rezepte, oder Stricken lernen wären ebenso denkbar, wie Unterstützung bei Fremdsprachen, oder erkennen von Straßenschildern in Japanisch.

Problematischer wird es  schon wieder bei Gesichtserkennung. Jeder könnte zukünftig jeden identifizieren. Ob wir das wirklich wollen? Für Dating-Apps sicher ein cooles Add-On, für polizeiliche Verbrecher-Fahndung sicher auch, für politisch Verfolgte und Systemgegner in totalitären Systemen wohl eher nicht.

Trotzdem, die Möglichkeiten sind sensationell. Bedienungselemente, wie zum Beispiel Lichtschalter,  könnten einfach eingeblendet werden. Zusätzliche Bildschirme müssten nicht gekauft und aufgestellt werden, sondern werden bei Bedarf einfach eingeblendet. Fotoalben können an jede Wand projiziert werden, zumindest wird es diesen Eindruck machen. Gesprächspartner in Videokonferenzen scheinen direkt vor einem zu stehen. Neue Produkte können an jedem beliebigen Platz eingeblendet und bearbeitet werden.

Nicht zuletzt, eher zuerst, wird die Spieleindustrie die erweiterte Realität für sich entdecken. Pokémons sind hier sicher erst der Beginn einer Welle von Neuentwicklungen, in denen Realität und Spielewelt ineinander verschmelzen.

Im militärischen Umfeld ist AR schon lange angekommen. Spezialeinheiten nutzen heute schon Helmkameras, GPS und Mobilfunksysteme in Kombination mit Brillen oder Minidisplays um zu navigieren, analysieren und Dinge zu erkennen, die sie mit freiem Auge nie gesehen hätten.

Gehrer Blog AR VR Iris Auge LensMobile Systeme befinden sich aktuell in brillenähnlichen Konstrukten, zukünftig sind hier aber auch Kontaktlinsen denkbar und zum Teil schon in der Erprobung. Das wären dann unaufwändige und unauffällige Erweiterungen unserer Realität, die vieles verändern würden.

Zurück zu stationären Systemen, wie sie in Autos verbaut sind. Erweiterte Realität bedeutet hier nicht nur das Einblenden zusätzlicher Informationen wie Streckenhinweise, oder herein kommende Anrufe. Es könnten auch Dinge eingeblendet werden, die bisher außerhalb unserer Wahrnehmung lagen. Bilder einer Wärmekamera zum Beispiel, oder Radar. Das würde viele Nacht- oder Nebelunfälle verhindern helfen. Analog die gleiche Idee steckt hinter AR Systemen, welche auf Fensterscheiben in Wohnungen oder Büroräumen aufsetzen. Von der Personenerkennung vor der Haustür, oder dem Küchenfenster, bis zur Einblendung der eingehenden Emails, oder der Nutzung als Touchscreen ist hier vieles möglich.

Während AR Systeme eine erweiterte Version der bekannten Realität erzeugen, kreieren virtuelle Realtäten eine komplett neue, eigene Wirklichkeit. Mit dem Start von „Second Life“ in 2003 und parallel dem weltweiten Phänomen „World of Warcraft“ 2004 konnten Menschen erstmals auf privaten Computern in eine völlig andere Welt eintauchen.

In „Second Life“ können die Nutzer einen Avatar erzeugen, mit welchem sie sich in hunderten verschiedenen Welten bewegen können. Der Avatar kann dabei alles sein. Ein Felltier (sogenannte „Furrys“) ein Krieger, ein Superheld (der dort „wirklich“ fliegen kann) eine Person des anderen Geschlechts, einer anderen Rasse, oder ein Alien von einem anderen Planeten. Jeder kann hier alles sein, klingt verführerisch oder? …und das ist es auch.

Gehrer Blog Avatar AR VRWährend bei AR Systemen die Alltagstauglichkeit und die Nützlichkeit im Vordergrund zu stehen scheinen, zielen VR-Systeme direkt auf unser Wohlfühl- und Belohnungszentrum ab. Es macht einfach Spaß in künstliche Welten einzutauchen und es macht extrem schnell süchtig. Die Anregung der Dopamin-Ausschüttung macht es vergleichbar mit Kokain, Heroin und Alkohol. Kurz nach dem Launch von WOW (World of Warcraft) wurden schon die ersten Fälle von Spielern bekannt, welche bis zu 20 Stunden pro Tag am PC saßen um zu spielen. Sie vergaßen zu essen, gingen nicht mehr zur Arbeit, blieben ganze Wochenenden vorm PC, brachen soziale Kontakte ab und verwahrlosten zusehends.Gehrer Blog AR VR Avatar Babe

Das ist die Schattenseite von VR (teilweise auch von AR), unser Gehirn kann nur sehr schwer unterscheiden, zwischen Realität und Fiktion. Deshalb werden Erfolge innerhalb von VR Systemen genauso belohnt wie real erlebte Erfolge.  Mit einer entsprechenden Hormonausschüttung und dem damit verbundene Hochgefühl. Warum sich also in der harten Realität beweisen, wenn man sich in der virtuellen Realität doch so einfach von einem Erfolg zum nächsten schwingen kann?

Aber wie immer, gibt es hier zwei Seiten. Die beschriebene Wirkung auf unser Gehirn und die Unfähigkeit auf VR Welten anders zu reagieren hat auch ihre Vorteile. Es lässt sich hervorragend benutzen, um Trainingssituationen zu schaffen, in denen die Teilnehmer gefährliche Situationen in ungefährlichen, virtuell erzeugten Umgebungen trainieren können. Militär zum Beispiel, oder die Feuerwehr.

Die Behandlung von PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörungen) wäre eine weitere, bereits genutzte, Einsatzmöglichkeit. Hier werden traumatisierte Personen (Soldaten, Rettungspersonal nach Katstrophen-Einsätzen, Opfer von Gewalttaten) mit professioneller Begleitung erneut in das als traumatisierend erlebte Umfeld zurück geführt und therapiert.

Solche Ausflüge sind auch prophylaktisch denkbar und machbar. Entspannungsausflüge an einen virtuellen Strand haben eine nachweisbar entspannende Wirkung. Stressbekämpfungsprogramme können den Nutzer mit Hilfe einer VR-Brille an den Strand bringen, in einen Regenwald, oder in jede beliebige andere Umgebung die der Nutzer als angenehm empfindet. Urlaub und Entspannung vom heimischen Sessel aus.

Zukünftig wird es immer schwerer werden, AR und VR zu trennen. Wenn die Umgebung in VR nachgebildet ist, dann ist es zwar VR, weil virtuell erzeugt, aber es wirkt auf unsere Wahrnehmung eher wie AR. Wir erkennen es nicht unbedingt als künstlich erzeugt und reagieren entsprechend. Ein „Furry“ in einer Mondlandschaft ist sich (hoffentlich)bewusst, dass er sich außer der realen Welt bewegt, ein lebensechter Avatar in einer realitätsnahen Umgebung vielleicht nicht mehr.Gehrer Blog AR VR Brille

All die oben beschrieben AR und VR Anwendungen sind bereits verfügbar. Google Glas wurde 2015 eingestellt (Das Projekt war vermutlich einfach nur zu früh dran) und ist momentan kurz davor wieder reaktiviert zu werden. Brauchbare VR Brillen gibt es schon lange, sie werden immer besser und die dazu verfügbare Software boomt. Mit dem „Holo Lens System“ demonstriert Microsoft gerade, was aktuell der Stand der Dinge ist.

Wenn wir es schaffen, einen vernünftigen Umgang mit den Schattenseiten zu finden, dann sind die guten Seiten hier unübersehbar. Von den dematerialisierenden Eigenschaften (in einer AR/ VR Umgebung werden viele Dinge wie Bildschirme, Buttons, Schalter, Gegenstände, Deko usw. innerhalb der AR/ VR erzeugt und müssen nicht mehr gekauft und aufgestellt werden) bis hin zu den medizinischen, therapeutischen Einsatzmöglichkeiten. Die Welt wird sich auch hier verändern.

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